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Berlin,
18. März 2003
Rede zum Haushaltsgesetz, Einzelplan 17
Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans
für das Haushaltsjahr 2003 ( Haushaltsgesetz 2003 )
2./3. Lesung
Bundestags-Drucksache 15/150
Sehr
geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,
die
letzten Wochen waren für uns Haushälter sehr anstrengend.
Bei allem Sitzungsstress erleichterte mir der freundliche Umgang
untereinander, insbesondere mit der Kollegin Hagedorn als Hauptbericherstatterin,
aber auch mit den Kollegen der anderen Fraktionen, die Arbeit sehr.
Auch Sie, Frau Ministerin Schmidt, haben zusammen mit Ihren Staatssekretären
zu einer netten Atmosphäre beigetragen. Und die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter Ihres Hauses und des Finanzministeriums sowie der
übrigen beteiligten Behörden haben in bewundernswerter
Weise jede aufkommende Frage schnell und zufriedenstellend
beantwortet. Für diese Zusammenarbeit möchte ich Ihnen
danken.
Schade,
dass sich diese gute Zusammenarbeit nicht in fachlicher Sicht fortgesetzt
hat. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass wir über
inhaltliche Dinge ebenso offen diskutiert hätten wie wir dies
im Umgang miteinander getan haben.
Tatsächlich haben Sie dies aber nur dort getan, wo sie aufgrund
der Bundesratsmehrheit dazu gezwungen wurden.
Im Übrigen haben Sie getreu dem Motto des Bundeskanzlers „Mehrheit
ist Mehrheit“ oft sogar ohne Diskussion unsere Vorstellungen
vom Tisch gewischt.
Ich will Sie deshalb hier noch einmal erläutern :
1.
Wahlfreiheit für Familien
Alle bisher vorgetragenen Vorstellungen Ihrerseits beschränken
sich auf Bereitstellung von öffentlichen Mitteln für Fremdbetreuung.
Die Möglichkeiten der Kindererziehung durch Eltern selbst verschlechtert
sich durch jede Steuererhöhung und jede Lohnnebenkostensteigerung.
Für die Eltern wird es immer schwieriger, auf ein Gehalt zu
verzichten zugunsten der Kindererziehung.
Auch
die von Ihnen angekündigte Betreuung von Unter-Dreijährigen
hat nach der ersten Bestandsaufnahme in den Ländern einen heftigen
Dämpfer erhalten. Mit den prognostizierten 1,5 Mrd. Euro kommen
die Kommunen bei weitem nicht aus. Darüber hinaus wehren sich
auch gerade ländlich geprägte Gemeinden gegen eine Pauschalverpflichtung,
20 % Kinderkrippenplätze zu schaffen. Hier sind individuelle
Lösungen gefragt wie zum Beispiel ein Tagesmütterkonzept.
Wir halten es auch nach wie vor für richtig, zeitgleich die
Situation der Familien zu verbessern, die sich für eine persönliche
Betreuung ihrer Kinder entscheiden und wir werden hierfür auch
weiter kämpfen. Die, die sich dazu entscheiden, Kinder selbst
zu betreuen, zahlen nach Ihrem Konzept die Fremdbetreuung für
andere mit.
2.
Jugendarbeitslosigkeit
Auf die erheblich gestiegene Jugendarbeitslosigkeit reagieren Sie
erneut mit Sonderprogrammen:
Mit dem Programm „Jugend bleibt“ wollen Sie für
2,5 Mio. € junge Menschen dazu motivieren, nicht aus den Neuen
Ländern abzuwandern. Sie wollen durch Projektnetzwerke und
Kommunikation eine „ positive Aufbruchsstimmung“ schaffen,
die bei den jungen Leuten zu einer besseren
„Identifikation mit der Heimatregion“ führt.
Glauben Sie mir, den jungen Leuten fehlt es keineswegs an Heimatbindung,-
ihnen fehlt es schlichtweg an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen.
Und Sie haben mit Ihrer mittelstandsfeindlichen Politik diese Situation
mit verursacht.
Durch ständige Steuererhöhungen, steigende Lohnnebenkosten,
bürokratische Hürden und Schwächung der Finanzkraft
der Kommunen zu Lasten der Investitionen, haben Sie mit dazu beitragen,
dass wir einen Insolvenzrekord gerade bei den mittelständischen
Betrieben haben, die
80 % der Ausbildungsplätze stellen.
Auch die Steuererhöhungen im sogenannten Steuervergünstigungsabbaugesetz
würden wegen der Verschlechterungen bei der Abschreibung und
der Eigenheimzulage erneut zu Arbeitsplatzverlusten zum Beispiel
im Baugewerbe oder im Gartenbau führen.
Und
die einzige Antwort auf diese Situation ist die Androhung einer
Ausbildungsplatzzwangsabgabe durch den Bundeskanzler.
Ganz abgesehen davon, dass das von Ihnen verabschiedete Harz-Konzept
II ein Verharren im Heimatland ohne Arbeits- oder Ausbildungsplatz
nur noch ganz schwer möglich macht. Vermutlich hat sich dieses
Programm schon vor der Ausschreibung erübrigt.
Da hilft Ihnen auch kein Sonderprogramm „Jugend bleibt“.
Geben Sie dem Mittelstand Luft zum Atmen, dann wird er auch
wieder in der Lage sein, Ausbildungsplätze zur Verfügung
zu stellen!
3. Fragwürdige Förderprogramme gegen Rechtsextremismus
Ganz deutlich, dass Sie eine ernsthafte Diskussion über Ihre
politischen Entscheidungen nicht zulassen, wird es beim Thema „Förderprogramme
gegen Rechtsextremismus“.
Obwohl neben SPD- Jugendpolitikern auf kommunaler Ebene auch die
Friedrich-Ebert-Stiftung zum Ergebnis kommt, dass das von uns allen
angestrebte Ziel, Extremismus zu verhindern , durch diese teuren
Programme wohl nicht erreicht wird, sind Sie nicht bereit, sie in
Frage zu stellen. Berlins Innensenator Körting (SPD) gibt in
diesem Zusammenhang sogar an, die Zahl der rechtsextremistischen
Straftaten habe sich trotz eigener zusätzlicher Landesprogramme
verdoppelt.
Nein! Sie wollen hier Aktionismus zeigen um jeden Preis : Vielleicht
machen Sie sich die Mühe und besuchen die leider schon wieder
angekündigten NPD - Demos in den neuen Ländern :
Sie werden feststellen, dass der bürgerschaftliche Widerstand
nicht von den in Ihrem Förderprogramm begünstigten Verbänden,
sondern von einfach engagierten Menschen völlig ohne Fördermittel
organisiert wird.
Leider sind Sie unserem Antrag, diese Mittel den Kommunen für
kommunale Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen, nicht gefolgt.
Vor Ort können diese Gelder in die Jugendförderplanung
langfristig und effektiv eingebracht werden.
Insbesondere könnte die Wirksamkeit zeitnah überprüft
werden und wesentlich flexibler auf Veränderungen reagiert
werden.
4.Jugendmedienschutz
Ich komme nun auf die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Medien“, vormals „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Schriften“, zu sprechen.
Die Bundesprüfstelle hat mit einem neuen Namen auch eine Erweiterung
ihrer Kompetenzen erhalten.
Diese neuen Aufgaben stehen vor allem in Zusammenhang mit dem Inkrafttreten
des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages und des Jugendschutzgesetzes
zum 01. April 2003.
- Der
Kreis der Antragsteller wird drastisch erweitert. Neben den bisher
antragsbefugten Jugendämtern, werden alle deutschen Behörden
und alle anerkannten Träger der freien Jugendhilfe antragsberechtigt
sein. Die Zahl der Antragsteller erfährt einen neuen Anstieg.
-
Die Bundesprüfstelle kann laut Gesetzesnovelle auch ohne
Antrag tätig werden.
-
Ihre Zuständigkeit wird auf die elektronischen Medien ausgedehnt.
Die
Bundesmedienanstalt (?) wird durch die öffentliche Diskussion
weit mehr als vorher von Eltern abgefragt. Genau das wollten wir
alle :
Stärkere Erziehungskompetenz der Eltern !
Selbst
der Gesetzentwurf vom 13.05.2002 weist darauf hin, dass durch die
Ausweitung der Kompetenz der Prüfstelle es zu zusätzlichen
Kosten im Bundeshaushalt kommen könne. Alle Redner auch Ihrer
Fraktion haben die neuen Aufgaben als wesentliche Verbesserung des
Jugendschutzes dargestellt, jetzt, wo es zum Schwur kommt, haben
Sie alle diese öffentlichkeitswirksamen Reden vergessen und
unseren Antrag auf Verbesserung der Personalstruktur diskussionslos
abgelehnt.
Schade, dass Sie wieder ihren Worten keine Taten folgen lassen.
5.
Umgang mit freien Trägern ( Beispiel Zivildienst )
Im Regierungsentwurf des Einzelplanes 17 lasteten Sie die Einsparvorgabe
aus dem rot -grünen Zukunftsprogramm in voller Höhe
von rund 90 Millionen Euro den Leistungen für Zivildienstleistende
an. Konkret bedeutet dies eine Absenkung des Bundeszuschusses für
die Beschäftigung Zivildienstleistender von 70 auf 50 %. Eine
erhebliche Mehrbelastung der Träger sozialer Leistungen, vom
Pflegeheim bis zum Jugendklub.
Sicher haben Sie mit den Spitzenverbänden Verabredungen zur
Verringerung der Zuschüsse getroffen, die Konsequenzen aber
tragen die kleinen Kirchengemeinden, die die höheren finanziellen
Belastungen nicht mehr tragen können. Die Konsequenz Ihrer
Politik ist: Zivis nur für große, leistungsfähige
Träger. Die Leidtragenden sind in letzter Konsequenz jene kleinen
Initiativen, die vielleicht gekoppelt mit ehrenamtlicher Arbeit,
versuchen, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
Ganz abgesehen davon, dass das Verfahren in den Haushaltsberatungen
weitere 10 Mio. Euro Kürzung vorzunehmen und damit den Kompromiß
zu konterkarieren, jede Bereitschaft freier Träger öffentliche
Aufgaben
zu übernehmen, dämpft.
Die Planungssicherheit ( - das Gesetz sollte ja zum 01. März
in kraft treten ) lasten Sie nun dem Bundesrat an, der diese gravierenden
Einschnitte auf ihre Auswirkungen prüfen lassen will.
Tatsächlich haben Sie - wie auch in vielen anderen Gesetzen
- die Zeitschiene für das Verfahren so eng gestrickt,
dass weder wir als Parlamentarier noch der Bundesrat den Entwurf
vor dem Inkrafttreten verabschieden konnte.
Ich appelliere an Sie, sich rechtzeitig vor dem 31.12.2003 mit den
Trägern und mit uns über die Zukunft des Zivildienstes
im nächsten Jahr zu diskutieren!
Und
wenn ich die öffentlichen Streitigkeiten zwischen Ihnen, Frau
Schmidt und Ihrem Verteidigungskollegen Struck verfolge, dann finde
ich es zwar anerkennenswert, dass Sie entgegen Ihrer persönlichen
Auffassung für den Zivildienst kämpfen.
Leider sind Sie dabei aber nicht sehr erfolgreich :
Hören Sie - als Gesamtkabinett - auf, die Träger
zu verunsichern !
In diesen Zeiten den Zivildienst ( und damit auch den Ersatzdienst
beim THW, bei den freiwilligen Feuerwehren und im Katastrophenschutz)
in Frage zu stellen ohne Alternativkonzepte, ist wirklich zynisch.
Wie wollen Sie künftig diese Dienste sicherstellen, wenn Sie
ständig den Etat des Bundesamtes für Zivildienst zum Löcherstopfen
im Gesamthaushalt verwenden ?
Dass
Sie seit gestern wegen Buchungsfehlern im Bundesamt für Zivildienst
30 Mio. Euro Mehrbedarf für Rentenbeiträge für Zivildienstleistende
anmelden, will ich nicht weiter kommentieren.
Dass
Sie es aber für möglich halten, diese 30 Mio. Euro (zusätzlich
zu einer Kürzung von 158 Mio. Euro im Verhältnis zum Ansatz
2002) aus dem etatisierten Erziehungsgeld zu nehmen, weil vom 1.1.-
17.3. die durch die Familien abgeforderten Mittel dramatisch zurückgegangen
seien, ist doch eine Bankrotterklärung Ihrer Familienpolitik.
Bei all den großen Ankündigungen zur Familienförderung
scheinen die Familien nicht mitzugehen. Die geplanten Kinder werden
nicht geboren!
6.
Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung
Klassisches Beispiel für meine These, dass Sie sich nur unter
Druck mit unseren Vorstellungen auseinandersetzen, ist das viel
beschworene Ganztagsschulprogamm :
Aus der ursprünglich vorgesehenen Fassung mit 10.000 neuen
Ganztagsschulen unter Bundesaufsicht mit vom Bund genehmigten pädagogischen
Konzept wird hoffentlich ein flexibles Instrument zur Verbesserung
verschiedener Formen der Ganztagsbetreuung.
Nicht,
dass wir uns falsch verstehen: Ich bin nach wie vor der Auffassung,
dass ein solches Programm auf Bundesebene nichts verloren hat.
Da wir Sie offensichtlich nicht davon überzeugen können,
unserem Antrag auf Senkung der Gewerbesteuerumlage zuzustimmen,
um die Kommunen selbst in die Lage zu versetzen, bedarfsgerecht
auf die örtlichen Gegebenheiten mit Schulprogrammen zu reagieren,
werden wir mit allen demokratischen Mitteln darum ringen, dass unsere
Vorstellungen von Ganztagsbetreuung berücksichtigt werden.
Hierzu gehört vorrangig die Freiwilligkeit in den Nachmittagsstunden,
hierzu gehört die Einbindung der Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit,
die dauerhafte Finanzierbarkeit durch die Schulträger und die
Bedarfsorientierung unter Berücksichtigung der örtlichen
Gegebenheiten.
Und lassen Sie mich zu Äußerungen des Staatssekretärs
Matschie mit Blick auf die neuen Länder noch eins hinzufügen
: Uns ist auch wichtig, dass bestehende Ganztagsschulen in das Konzept
mit aufgenommen werden. Bisher stimmt es nämlich eben nicht,
dass das Programm für Sanierung und Verbesserung bestehender
Angebote genutzt werden kann. Sollte dieser Passus in den Verhandlungen
mit den Ländern nicht aufgenommen werden, geht das gesamte
Programm an den Neuen Ländern vorbei, da wir ein flächendeckendes
Netz an Ganztagsschulen, allerdings auf zum Teil traurigen baulichen
Niveau haben.
Hier ist es nur gut, dass die Bundesländer ein Wörtchen
mitzureden haben.
Wir
werden weiterhin für unsere Vorstellungen mit Ihnen streiten.
Vielleicht machen Sie sich die Mühe, sich wirklich einmal mit
uns bei der Suche nach dem besten Weg auseinanderzusetzen. Ich freue
mich darauf !
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