 |
Berlin,
4. Dezember 2002
Rede zum Haushaltsgesetz, Punkt 5 der Tagesordnung am 03. Dezember
2002
Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans
für das Haushaltsjahr 2003 (Haushaltsgesetz 2003)
Bundestags-Drucksache: 15/150
Sehr
geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Damen und Herren,
als zuständige Berichterstatterin meiner Fraktion im Haushaltsausschuss
für den Haushalt des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend ( BMFSFJ ), hatte ich erstmals das Vergnügen
den Einzelplan 17 durchzuarbeiten.
Dies ist der erste Haushalt nach der Bundestagswahl und damit natürlich
die Stunde der Wahrheit für die Umsetzung der Versprechen an
die Bürgerinnen und Bürger im Wahlkampf.
Macht man sich die Mühe, diesen Haushaltsentwurf mit dem zu
vergleichen, was Sie als Regierungskoalition versprochen haben,
so findet man diese Versprechen nur ganz fragmentarisch wieder :
Versprechen 1 :
Kindergelderhöhung auf 200 Euro
Fehlanzeige !
Hier haben Sie sich diesmal nicht mal die Mühe gemacht, wie
in der Vergangenheit mit dem Erreichen des Ziels anzufangen. Zugegeben
eine "mittelfristige Erhöhung" - wie es in Ihrem
Programm steht, ist je nach Sichtweise auch noch 2010 oder 2015.
Versprechen 2 :
Anspruchsvolles, bedarfsorientiertes Betreuungsange-bot im Kinderkrippenalter
An anderer Stelle wurde schon gedroht, dass gesetzliche Regelungen
für ein verbindliches Angebot für 20% der Kinder in Krippen
in den Kommunen geschaffen werden sollen.
Als Finanzierungsvorschlag hierfür wurden 1,5 Milliarden Euro
aus Einsparungen aus den Hartz-Vorschlägen hierfür in
Aussicht gestellt. Ich bin sehr gespannt, wie eine solche Finanzierung
dann im Haushalt eingestellt wird. Für 2003 haben Sie immerhin
schon einmal eine Arbeitsgruppe im Haushalt errichtet. Solche Arbeitsgruppen
haben sich ja schon bei "Hartz" bewährt.
Versprechen 3 :
4 Milliarden Euro für Ganztagsschulen
An dieser Stelle findet man tatsächlich die Umsetzung eines
Wahlversprechens.
Dabei will ich auch gern darüber hinwegsehen, dass nicht, wie
versprochen, jährlich 1 Milliarde Euro pro Jahr an Finanzierungshilfen
zur Verfügung gestellt werden sollen, sondern für 2003
nur 300 Millionen Euro.
Fragwürdig halte ich an diesem so öffentlichkeitswirksamen
Programm zwei Dinge :
1. (Gewerbesteuerumlage)
Wenige Seiten vor diesem Programm erscheint im Haushalt bei den
Einnahmen des Bundes aus Gewerbesteuerumlage durch die Erhöhung
der Umlage genau der Betrag, den Sie jetzt den Kommunen als Finanzhilfe
beifallheischend zurückgeben wollen.
2. (Äußerungen Staatssekretär Matschie )
Das entscheidendere Argument gegen die Art dieses Programms liefern
allerdings Äußerungen des Staatssekretärs Matschie,
der die Ausreichung der Mittel an Länder und Kommunen von der
Vorlage "eines pädagogischen Konzeptes" abhängig
macht.
Wenn dieses Förderprogramm nur dazu dient, bildungspolitische
Kompetenzen an den Bund zu ziehen, werden Sie Widerstand nicht nur
von der Kultusministerkonferenz erwarten können.
Qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung ja, aber unter Beachtung
der Länderzuständigkeiten.
Deshalb bleibt die Frage, warum man die finanziellen Mittel nicht
direkt da beläßt, wo die Aufgaben zu erfüllen sind.
Stimmen Sie unserem Antrag auf Senkung der Gewerbesteuerumlage zu,
dann haben Sie die 4 Mrd. Euro da, wo Sie sie auch hingeben wollen.
Tatsächlich gibt es auf Länderebene ganz unterschiedliche
Vorstellungen, wie eine solche Ganztagsbetreuung aussehen könnte.
Von verbindlicher Ganztagsbeschulung bis zum freiwilligen Angebot
am Nachmittag mit qualitativ hochwertigem Förder- und Freizeitangebot
liegen Konzepte vor.
Für die neuen Länder weise ich ausdrücklich darauf
hin, dass aufgrund großer Anstrengungen in der Vergangenheit
ein zahlenmäßig gutes Angebot vorliegt. Wir werden sehr
genau darauf achten, dass der Verteilungsschlüssel nicht zu
Lasten der neuen Länder geht.
Und - und deshalb gehört es trotz Einstellung im Bildungsetat
auch in unsere familien- und jugendpolitische Diskussion : Wir müssen
sehr darauf achten, dass mit einem verbindlichen Ganztagsangebot
nicht die bewährte, gute hochwertige Jugendverbands- und Jugendkulturarbeit
oder auch nur die Arbeit der Sportverbände untergeht : Wenn
ich bis 17 Uhr verbindlich in der Schule bin, überlege ich
mir, ob ich denn nahtlos zum Sport, zum Umweltverband oder zur Kunstschule
gehe. Schulpflichtangebot macht hier gegebenenfalls mehr kaputt
als damit erreicht werden kann. Uns geht es um eine Vernetzung beider
Bereiche mit verbindlichen Betreuungszeiten, auf die sich Eltern
auch verlassen können.
Versprechen 4 :
Wahlfreiheit von Familie und Beruf
Eines Ihrer Wahlversprechen war die Freiheit von Familien, zwischen
Erwerbstätigkeit und Kinderwunsch und der Entscheidung für
ein zeitweises Aussetzen im Beruf zugunsten der Kindererziehung
selbst entscheiden zu können.
Diese Wahlfreiheit gibt es tatsächlich : keiner jungen Mutter
und keinem jungen Vater bleibt es verwehrt, sich eine Zeitlang ausschließlich
der Erziehung der Kinder zu widmen. Das Problem ist nur, diese Entscheidung
zahlen die jungen Eltern überwiegend selbst.
Die Maßnahmen, die Sie ergreifen, dienen aber ausschließlich
der Fremdbetreuung von Kindern. Ob Ganztagsschulen oder Kinderkrippenplätze,
Sie wenden Steuermittel auf, um die Betreuung von Kindern außerhalb
der Familie sicherzustellen.
Wir halten für richtig, die Situation von berufstätigen
Müttern und Vätern zu verbessern. Wir halten nicht für
richtig, wie Sie damit umgehen.
Die Situation von Eltern, die sich entschieden haben, einen erheblichen
Teil der Kindererziehung selbst zu erbringen, verbessern Sie nicht.
Ganz im Gegenteil : durch neue höhere Abgabenlasten im Steuer-
und Sozialbereich erschweren Sie den Eltern die Möglichkeit,
eine Zeitlang auf ein oder ein halbes Gehalt zu verzichten.
Das ist keine Wahlfreiheit, das ist "Lufthoheit über den
Kinderbetten" und Bert Rürup hat seinen Teil daran, wenn
er davor warnt, Frauen die Möglichkeit, sich der Erziehung
zu widmen, zu erleichtern.
Rürup sagte wörtlich :
"Der Anteil der unter 20-jährigen geht in den nächsten
40 Jahren von derzeit rund 21 Prozent auf 15 Prozent zurück.
Den mit dem Anstieg des Altenquotienten verbundenen Verteilungsproblemen
der Gesellschaft kann umso besser begegnet werden, je höher
das Wirtschaftswachstum ist. Aus diesem Grund sollten kinder- und
familienpolitische Maßnahmen Frauen keinen Anreiz geben, sich
aus ihrem Beruf zurückzuziehen. Erziehungs- und Elterngehalt
als Ersatz für Erwerbsarbeit ist abzulehnen."
Das ist nicht unsere Politik !
Wir bleiben bei unserer Forderung , auch Erziehungsleistung als
gesellschaftliche Leistung anzuerkennen. Wir werden auch weiterhin
mahnen, dass Familien, die ihre Kinder ganz oder teilweise selbst
erziehen und großziehen wollen dies tun können. Und mit
uns wird es keine einseitige Förderung von Fremderziehung geben
ohne gleichwertige Leistung für die Erziehung in der Familie.
Wir wollen die wirkliche freie Entscheidungsfreiheit !
Versprechen 5 :
Eigenheimzulage
Hier steht Ihre freundliche Ankündigung, die Zulage familienfreundlich
umzugestalten.
Dieses Versprechen haben Sie auf recht bizarre Weise eingelöst
:
Für Paare ohne Kinder haben Sie diese auf 0 Euro reduziert
und für Familien halbiert. Dies als Verbesserung für Familien
zu verkaufen, ist schon eine Marketing-Leistung. Abgesehen von den
gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen, die an anderer Stelle zu diskutieren
sein werden, liegen Sie familienpolitisch hier auch völlig
daneben : Gerade in den Neuen Ländern, aber auch in Westdeutschland
wird der Bau des privaten Eigenheims sehr häufig dazu genutzt,
Großeltern in räumlicher Nähe zu Kindern und Enkeln
unterzubringen. Damit wird dem Wunsch der älteren Generation
Rechnung getragen, möglichst lange im familiären Umfeld
weitgehend selbstverantwortlich zu leben.
Sie haben dieses Problem offensichtlich auch erkannt - Sie reagieren
leider nicht mit Lösungen sondern mit umfangreichen Studien
und Gutachten. Ich werde hierauf später zurückkommen.
Viel schlimmer finde ich jedoch die aufgrund großer Proteste
eingebaute "Später-Kind -Variante":
Nach neuer Fassung können Paare die Eigenheimzulage jetzt auch
bekommen, die spätestens im dritten Jahr nach Fertigstellung
ein Kind bekommen.
Eine solche Regelung kann sich nur jemand ausdenken, der glaubt,
schwanger würde man werden durch Ankreuzen im Terminkalender.
Das ist zynisch den 10% aller Paare gegenüber, die ungewollt
kinderlos bleiben und lange Jahre belastende Anstrengungen unternehmen.
Die bisherige Regelung von der geänderten Eigenheimzulage und
dem Verlust einer Jahreskinderzulage war in den Auswirkungen erheblich
familienfreundlicher.
Nach Ihren Vorstellungen kostet der verpasster Geburtstermin jetzt
16.800 €.
Zu der Enttäuschung, kein Kind bekommen zu können, kommen
dann möglicherweise noch wirtschaftliche Probleme hinzu, wenn
die Eigenheimzulage in die Finanzierung fest eingeplant wurde.
Neben diesem Vergleich des Haushaltes mit den Wahlversprechen muß
man feststellen, dass der Einzelplan 17 von einschneidenden Einsparungsmaßnahmen
überwiegend verschont bleibt.
Über folgende Bereiche werden wir aber in den Haushaltsverhandlungen
reden müssen:
a)
Förderung des Ehrenamtes und der Selbsthilfe
Hier sollen sich die Mittel bis 2004 auf 40% reduzieren. Allein
der Kürzungsanteil von 2002 auf 2003 in Höhe von 358 000
€ wird dem Netzwerk der Ehrenamtlichen weggenommen, um ein
hauptamtlich organisiertes Koordinierungsbüro einzurichten.
In der Begründung zur Kürzung wird darauf verwiesen, dass
im Jahr 2001 als Jahr des Ehrenamtes besonders viele Fördermittel
zur Verfügung gestellt werden. Wenn aber kurz danach ein solcher
Einbruch geschieht, dann zeigt das deutlich die Wertigkeit der Ehrenamtlichen
Tätigkeit.
Sollten Sie darauf verweisen, dass der Titel zur Förderung
des Ehrenamtes und der Selbsthilfe bis zu 500 000 € gegen den
Kinder- und Jugendplan des Bundes deckungsfähig ist, sage ich
Ihnen schon im Voraus, dass dies bei gleichzeitiger Absenkung des
KJP ( Kinder- und Jugendplanes ) um 2,5 Millionen € vermutlich
kaum realisierbar ist.
b) Kinder- und Jugendplan des Bundes
Leider finden sich in den Erläuterungen keinerlei Gründe
für die Absenkung um 2, 5 Millionen €. Auch im weiteren
Text wird der Eindruck erweckt, dass eine Rechtfertigung dieser
Kürzung nicht gegeben ist. Hätten diese Gründe ihren
Ursprung in der allgemeinen Finanzsituation, so hielte ich dies
noch für eine Rechtfertigung.
Allerdings beschäftigt auch der Kinder- und Jugendplan den
Rechnungsprüfungsausschuß Anfang nächsten Jahres,
weil offensichtlich die ausgereichten Mittel nicht umfassend auf
ordnungsgemäße Verwendung geprüft werden.
Verwaltungsvereinfachung und Entbürokratisierung scheinen also
auch hier dringend geboten.
Tatsächlich sammeln sich neben dem KJP eine Reihe von Programmen
an, die spontan beschlossen wurden und außerhalb der grundsätzlich
bewährten Strukturen des Planes laufen. Häufig fehlt Ihnen
damit die Vernetzung sowohl zu anderen Bundes-, als auch Landes-
und Kommunalprogrammen.
Beispiel
Rechtsradikalismus
So gibt es eine ganze Reihe von Förderprogrammen, deren Effektivität
stark bezweifelt werden muss:
Im Bundeshaushalt sind in drei verschiedenen Titeln Programme gegen
Gewalt und Rechtsextremismus in der Gesamthöhe von 26 Millionen
€ eingestellt. Eine Summe, die sich im Verhältnis zum
Gesamtetat des KJP von 111 Millionen € durchaus sehen lassen
kann. Fachleute auf Landes- und kommunaler politischer Ebene haben
aber erhebliche Zweifel, ob mit diesen Geldern der von allen gewünschte
Effekt, Jugendliche zu Toleranz und Fremdenfreundlichkeit zu motivieren,
auch eintritt.
Nur
einige Zitate aus dem Bereich der Jugendhilfe :
· Bestehende Programme auf Landes- oder kommunaler Ebene
werden nicht hinreichend miteinander vernetzt.
· Keine Gesamtkoordinierung aller drei Förderprogramme,
die teilweise die gleichen Zielgruppen betreffen.
· Keine entscheidende Einbindung von Trägern der öffentlichen
Jugendhilfe auf örtlicher und überörtlicher Ebene,
obwohl teilweise der originäre Zuständigkeitsbereich der
örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe direkt
betroffen ist.
· Teilweise werden sogar Projekte gefördert, die die
Träger der örtlichen Jugendhilfe als ungeeignet einstufen.
Und dies alles, obwohl die Kosten für nur eines der Programme
für die Servicestelle sich auf 827.000 Euro jährlich beläuft
( fast 20 % des Programms ).
Es stellt sich ein bißchen der Verdacht ein, dass hier Aktionismus
statt abgestimmte, sachliche Zielgruppenarbeit stattfindet, was
im Hinblick auf die Höhe der Programme und der nicht zuletzt
dadurch entstehenden Belastung der Bürgerinnen und Bürger
unentschuldbar ist.
c) Programm "Jugend bleibt"
Mit diesem jährlich 2,5 Mio € teuren Programm wollen Sie
junge Menschen dazu motivieren, nicht aus den Neuen Ländern
abzuwandern.
Sie
begründen dies mit den dramatischen wirtschaftlichen Folgen
für die Neuen Länder.
Darüber hinaus stellt sich mir an dieser Stelle ganz extrem
die Frage nach der Sinnhaftigkeit.
Die anhaltende Abwanderung von Jugendlichen im Alter von 18-25 Jahren
aus den Neuen Ländern nach Westdeutschland auf der Suche nach
Ausbildungs- und Arbeitsplätzen wird Deutschland in spätestens
5 Jahren vor massive ökonomische und soziale Probleme stellen.
Da vor allem junge Frauen in den Westen ziehen, droht Ostdeutschland
langfristig ei8ne Abwärtsspirale aus Abwanderung, anhaltendem
Geburtenrückgang, Schließung von Schulen, Mangen an qualifiziertem
Personal und eine weitere Schwächung des Investitionsstandortes
Ost.
Eine legitime Begründung für den Wirtschaftsausschuß.
Aus Sicht des Jugendministeriums hätte ich mir eine Begründung
gewünscht, die die Auswirkungen auf die jungen Leute in den
Vordergrund gestellt hätte.
Tatsächlich wollen nämlich viele junge Menschen nur ungern
ihre Heimatstadt, ihre Freunde und ihre Familie zurücklassen.
In ganz vielen Fällen finden sich jahrelange Übergangslösungen
mit Pendeln an jedem Wochenende mit allen Belastungen, die hiermit
verbunden sind - familiär, finanziell und ökologisch.
Sie entziehen den Mittelständischen Unternehmen auch in Ostdeutschland
die Betriebsgrundlage durch Steuererhöhungen, durch steigende
Lohnnebenkosten, durch bürokratische Hürden, durch Schwächung
der Finanzkraft der Kommunen, die dadurch nicht mehr investieren
können.
Die
Schreckensmeldungen nehmen ja nicht ab :
Laut einer Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks
wollen 31 % der ostdeutschen Betriebe möglicherweise noch im
Winter Mitarbeiter entlassen.
Laut einer Umfrage der DZ Bank bangt jeder zehnte Mittelständler
um den Fortbestand des Unternehmens.
25 % der 2500 befragten Firmen rechnen für die kommenden sechs
Monate mit Personalabbau.
Laut einer Studie der Universität Bonn haben junge Menschen
im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft größere Sorgen
als ihre Altersgenossen in den meisten anderen EU-Ländern.
In einer Umfrage unter 11.000 Jugendlichen in ganz Europa gaben
38 % der befragten Deutschen an, sie hätten Angst davor, nach
ihrer Ausbildung keinen Job zu finden. Das ist im EU-Ländervergleich
der zweithöchste Wert. Während das Thema "Arbeitslosigkeit"
europaweit nur auf Platz 6 der größten Ängste rangiert,
liegt es bei jungen Deutschen auf Platz 3.
Offensichtlich zu Recht, wie die o.g. Zahlen zeigen
Folge: Insolvenzrekord, massiver Arbeitsplatzabbau, mangelnde Ausbildungs-
und Arbeitsplätze für Jugendliche!
Im nächsten Schritt gehen Sie dann hin und finanzieren aus
den oben genannten und heute wieder vorgelegten Steuererhöhungen
ein Programm, das Jugendliche ohne Job und Perspektive motivieren
soll, in den neuen Ländern zu bleiben.
Die Frage aber ist doch, ob es nicht sinnvoller ist, auf die Steuererhöhung
zu verzichten und damit den ostdeutschen Mittelstand zur Schaffung
von Arbeitsplätzen für junge Menschen zu motivieren.
Dann können sie sich solche Programme nämlich sparen !
Sie haben dies schon ähnlich erfolglos mit dem Programm "Jump"
versucht.
Die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen lag im Juni bei 495.000,
das sind 87.000 oder
21,4 % mehr als im letzten Jahr und das trotz des 3,5 Mrd. schweren
Jump-Programms der Bundesregierung.
Wenn man die etwa 86.000 Teilnehmer des Jump-Programmes, die ebenfalls
nicht in regulärer Arbeit oder Ausbildung sind, dazuzählt,
erhält man insgesamt 581.000 Jugendliche, die nicht auf dem
ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind.
d) Zivildienst
Mit einer Einsparung von 116 Mio Euro belasten Sie zeitgleich die
Freien Träger, die sowohl einen höheren Eigenanteil pro
Platz bezahlen müssen als auch einen erheblichen teil der vorhandenen
Stellen nicht besetzen dürfen.
Sie versäumen aber nicht, gleichzeitig Gelder zur Verfügung
zu stellen, um per Gutachten zu prüfen, wie es älteren
Menschen ermöglicht werden kann, möglichst lange selbstverantwortlich
zu leben oder Gutachten um die schwierige Personalsituation in Altenpflegeheimen
zu untersuchen.
Ist es Ihnen entgangen, dass gerade in diesem Bereich Zivildienstleistende
hilfreich Dienst tun ?
Ich
kann eine ganze Reihe von Projekten aufzählen, die mir angesichts
der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Situation als eher fragwürdig
erscheinen:
Zum Beispiel unter dem Titel "Maßnahmen zur Verwirklichung
der Gleichstellung von Frau und Mann in der Gesellschaft" (11,2
Millionen €) verbergen sich Studien, wie
- Übersetzung der Studie "Frauen in Deutschland"
ins Englische
- Bericht zur Lage der Gleichstellung in Deutschland
- Bericht der Bundesregierung zur Berufs- und, Einkommenssituation
von Frauen und Männern
- Studie zum bürgerschaftlichen Engagement von Frauen im Katastrophenschutz
Ich könnte endlos weitermachen!
Verstehen Sie mich nicht falsch - mit Sicherheit hat jede Studie
einen wichtigen Hintergrund und ich will die Schwierigkeiten auch
nicht leugnen. Trotzdem muß die Frage erlaubt sein, ob in
Zeiten möglicher neuer Steuererhöhungen und ständig
neu angekündigtem Arbeitsplatzabbau, von dem Frauen besonders
stark betroffen sind, Frauen nicht mehr geholfen ist, wenn Unternehmen
in die Lage versetzt werden einerseits Arbeitsplätze zu schaffen
und anderseits das Engagement von Frauen im Ehrenamt, in der Pflege
von Angehörigen und in der Erziehung auszudehnen
Lassen
Sie mich noch ähnliche Beispiele aus dem Bereich der Altenhilfe
aufzeigen:
Im Haushaltsplan stehen durchaus nennenswerte Beiträge für
Projekte wie zum Beispiel die soziale Bedeutung von Kriminalität
und Gewalt im Leben alter Menschen. Die Erfahrungen aus Gesprächen
mit alten Menschen zeigen, dass sich deren Sicherheitsgefühl
erheblich dadurch verbessern lässt, dass Straßen möglichst
durchgängig beleuchtet werden, dass möglichst sichtbare
Polizeipräsenz gewährleistet wird und dass Bushaltestellen
in nächster Nähe zu Wohnvierteln vorhanden sind und idealerweise
gibt es in von alten Menschen bewohnten Häusern einen Concierge-Dienst.
Viele dieser Vorschläge scheitern an den finanziellen Möglichkeiten
der Kommunen und Länder.
Sind Sie wirklich sicher, dass eine solche Studie zu finanzieren
zum jetzigen Zeitpunkt wirklich wichtiger ist als die o.g. Maßnahmen
?
Letztes Beispiel : die Öffentlichkeitsarbeit:
Der Einzelplan 17 ist verhältnismäßig gut mit Mitteln
für Öffentlichkeitsarbeit ausgestattet. Ich hatte das
zweifelhafte Vergnügen, gegenüber von meinem Bürgerbüros
ein Plakat der Bundesregierung bewundern zu dürfen. Das Plakat
zeigte in harmonischer Idylle eine schwangere Frau mit Ihrem Partner
unter dem Titel "Familie in Deutschland"
Ganz abgesehen davon, dass ich deutlich bezweifle, ob sich auch
nur ein einziges Paar durch dieses Plakat zu Kindern ermuntern lässt,
so ist mindestens jede Diskussion über zusätzliche Belastungen
für Familien bei Steuern, Abgaben oder auch bei der Eigenheimzulage
schwer nachvollziehbar. Eine Unzahl von Studien, Gutachten oder
auch eine Flut von Informationsmaterial tun gleiches dazu.
Darüber hinaus sind viele dieser Veröffentlichungen zum
Zeitpunkt der Herausgabe schon wieder veraltet, da sich die Bedingungen
für Familien aufgrund der häufigen Gesetzänderungen
ohnehin ständig ändern.
(Service-Büro für Unternehmerspenden)
Das Sahnehäubchen auf Kuriositäten im Haushalt scheint
mir aber die Errichtung eines Servicebüros für Beratung
von Unternehmen für Spendenprojekte zu sein.
Das hier wohl zugrundeliegende Problem, Unternehmer säßen
auf großen Mengen Spendengeldern und wüßten nicht,
wie sie die Gelder loswerden könnten, ist offensichtlich an
mir vorbeigegangen :
Die Jugend- und Sozialverbände in Thüringen beklagen jedenfalls
die erheblichen Rückgänge bei der Spendenbereitschaft.
Auch ist ja nur durch Eingreifen von Frau Bundeskanzler Schlimmeres
verhindert worden, in dem sie persönlich auf die Bedeutung
der Abzugsfähigkeit von Spenden von der Steuer hingewiesen
hat.
Liebe Kolleginnen und Kollegen : Für einen Teil Ihrer Kindergeldversprechen
kann ich Ihnen die Deckung im Haushalt durchaus nennen.
Mit großer Freude habe ich aber Ihr Vorhaben zur Kenntnis
genommen, einen Steuerarbeitskreis mit anderen EU - Ländern
zu bilden, um Möglichkeiten der Familienförderung im Steuerrecht
zu suchen!
Ich zitiere: " Im Rahmen einer Fachtagung sollen Steuerwissenschaftler
aus Deutschland und aus 2-3 noch zu bestimmenden EU-Mitgliedstaaten
über Möglichkeiten der Förderung der Familie im Steuerrecht
referieren und miteinander diskutieren. Bei den EU-Mitgliedstaaten
sind solche auszusuchen, die bei der steuerlichen Familienförderung
besonders weit sind.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich hoffe sehr, dass Sie nach den, durch Herrn Müntefering
schon wieder angekündigten Steuererhöhungen an dieser
Arbeitsgruppe überhaupt dabei sind.
In diesem Sinne freue ich mich auf die hoffentlich positiven Ergebnisse
aus dieser Arbeitsgruppe für die Familien.
|